Bitcoin-Paradoxa
@ TechnologieKultur · 2021-10-16 · 8 Minuten Lesezeit · Update am 2021-10-16

Gefärbte Linsen

Jeder betrachtet die Welt im Allgemeinen und Themen wie Bitcoin im Speziellen durch eine individuell gefärbte Linse.
Meine ist gefärbt durch die jahrelange Beschäftigung mit Sprache, Sprachwissenschaft und Computerlinguistik.

Es ließ sich also gar nicht vermeiden, dass ich Parallelen zwischen zwei so faszinierenden Koordinationsmechanismen wie Sprache und Bitcoin entdecken würde…
Den Gemeinsamkeiten aber auch interessanten Unterschieden werde ich in einer Reihe kurzer Artikel nachgehen.

Hier wird es sich jetzt allerdings weniger um Sprache und Linguistik per se drehen, als mehr um ein Werkzeug, dass mir geholfen hat, tiefere Einsichten in komplexe Zusammenhänge des sprachlichen Wandels zu gewinnen.
Bei der Beschäftigung mit dem Bitcoin-Protokoll bzw. -Netzwerk sind mir ein paar kontraintuitive, scheinbar widersprüchliche Eigenschaften aufgefallen, die mich an das sog. Sturtevant’sche Paradoxon denken ließen, das zumindest unter historisch-vergleichenden Linguisten recht geläufig ist.
Diese spezielle Denkweise lässt sich hoffentlich auch in diesem neuen Zusammenhang zum Verständinis heranziehen.

Das Paradoxon - ein missverstandener Weg zur Erkenntnis

Wenn etwas als paradox bezeichnet wird, ist es meist schon mit einem negativen Beigeschmack als unsinnig oder inkonsistent abgestempelt. Zu unrecht, wie ich finde.
Paradoxa haben eine lange Tradition im philosophischen und wissenschaftlichen Diskurs, wo sie helfen, komplexe Sachverhalte auszuloten.
Richtig formuliert zeigen sie sowohl Schwierigkeiten deutlicher auf, als auch etwaige Lösungen, die sich sonst gerne hinter dem Offensichtlichen verstecken.

Was versteht man nun eigentlich unter Paradoxon?

Zunächst einmal zur Herkunft des Wortes selbst: paradox als Adjektiv und die damit zusammenhängenden Wortbildungen gehen zurück auf das altgriechische παράδοξος (parádoxos) “entgegen der (herrschenden) Meinung”.
Dies setzt sich nämlich zusammen aus παρά (para) „gegen, wider“ und δόξα (doxa) „Meinung, Ansicht, Vorstellung, Glaube“.
Es steht also zunächst einmal in Zusammenhang mit konträrem Denken, einem Verstoß gegen die Orthodoxie.

Wahrscheinlich muss man jetzt noch etwas genauer auf die Bedeutung der einzelnen Wortvarianten blicken, um zu verstehen, woher der zweifelhafte Ruf des Paradoxen kommt, und warum diese zugrundeliegende Denkweise doch ihre Daseinsberechtigung hat:
Für das Deutsche unterscheidet der Duden nämlich zwischen dem

  • Paradox, als “etwas, was einen Widerspruch in sich enthält, paradox ist”

und dem

  • Paradoxon, als “scheinbar unsinnige, falsche Behauptung, Aussage, die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist”

Es ist die letzte dieser beiden Lesarten, der wir uns zuwenden wollen, um tiefere - ja vielleicht sogar intuitive - Einsichten in die komplexen Mechanismen von Sprache einerseits und Bitcoin andererseits zu gewinnen.

Ein linguistsches Paradoxon

Das oben erwähnte Sturtevant’sche Paradoxon lautet folgendermaßen:

Die Lautgesetze sind regelmäßig und führen zu Unregelmäßigkeiten.
Die Analogie ist unregelmäßig und führt zur Regelmäßigkeit.

Dies zu verstehen, setzt nun sowohl etwas Zeit als auch ein wenig Hintergrundwissen voraus. Für diejenigen, die genügend Zeit und auch Interesse mitbringen, habe ich ein paar Informationen in der Fußnote1 gesammelt.
Für den Moment lässt sich aber kurz zusammenfassen, dass hier zwei gegenläufige Tendenzen der Sprachentwicklung, die ganz unterschiedlich funktionieren, in eine kurze Formel gepackt wurden. Bei genauerem Studium stellt man fest, wie sie sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit gegenseitig bedingen und eine andauernde Dynamik in die Evolution der sprachlichen Oberflächenformen bringen.

So wie die Auseinandersetzung mit diesem Paradoxon für mich ein Augenöffner für linguistische Zusammenhänge war, half mir auch die Formulierung der beiden folgenden Paradoxa zu den Mechanismen von Bitcoin beim tieferen Verständins von Netzwerk und Protokoll.

Bitcoin-Paradoxa

Das Vertrauens-Paradoxon

Die folgende Idee ist nicht neu und wurde auch schon mehrfach ausformuliert wie beispielsweise hier auf Twitter:

In Anlehnung an das vorher erwähnte Paradoxon aus der Linguistik, möchte ich jedoch noch eine gegenüberstellende Dimension hinzufügen:

Ein Fiat-Standard erzwingt Vertrauen und fördert Misstrauen im Eigeninteresse der Teilnehmer.
Ein Bitcoin-Standard erlaubt Misstrauen und fördert Vertrauen im Eigeninteresse der Teilnehmer.

An diesem Punkt möchte ich zuerst einmal klarstellen, dass meiner Erfahrung nach grundsätzlich alle Menschen stets im Eigeninteresse handeln. Ich selbst ganz bestimmt. Jede individuelle Lebensgeschichte und auch die Geschichtsbücher bauen auf dieser Prämisse auf.
Das macht uns nicht automatisch alle zu einem Haufen Egomanen, sondern ermöglicht es uns als Spezies erst, am evolutionären Konkurrenzkampf eines dynamischen Ökosystems teilzunehmen. Es liegt in meinem ureigenen Interesse, zunächst mich selbst, dann meine Familie und meine Umgebung, ja schließlich sogar die Welt als Ganzes intakt zu halten, wenn nicht gar zu verbessern.
Wer diese Reihenfolge allerdings umdreht oder durcheinanderwürfelt, belügt entweder sich selbst oder alle anderen.
Das formulierte Paradoxon lässt sich also um den letzten Teil kürzen… aber ich wollte diesen Punkt zumindest angesprochen haben.

Die kreuzweise Gegenüberstellung der beiden Standards soll nun herausstreichen, wie ein aufgezwungenes Vertrauensverhältnis, bei dem die Handelnden ihre Transaktionen stets vom Wohlwollen und der Zuverlässigkeit einer dritten Partei abhängig machen, eine Reaktion zur eigenen Absicherung hervorruft.
Misstrauen ist Selbstschutz.

Sobald die eigene Lebensenergie jedoch abgesichert und konservierbar ist, entfällt die Notwendigkeit, sich unfaire Vorteile anderen gegenüber zu verschaffen, oder sich gegen die verschiedenen Formen des Zeitdiebstahls zu schützen. Aus dieser abgesicherten Position heraus, ist es im eigenen besten Interesse, mit anderen zusammenzuarbeiten und einen längeren Zeithorizont2 zu entwickeln.

Diese Form der kreuzweisen Gegenüberstellung lässt uns aber auch noch einen weiteren Wesensunterschied der konkurrierenden Werte(-transfer-)systeme ausdrücken.

Das Chaos-und-Ordnung-Paradoxon

Bitcoin basiert auf Entropie und algorithmischer Selbstregulierung, um unveränderliche Wahrheit und geordenete Daten zu erzeugen.
Fiat basiert auf geordneten Daten und willkürlicher Überregulierung, um veränderliche Wahrheit und Entropie zu erzeugen.

Bei diesem Paradoxon geht es darum, welchen Input die beiden Systeme jeweils konsumieren, und was sie damit als Output produzieren.
Bestes Beispiel für die geordneten Daten, die das Fiat-System verlangt, sind die Datensätze, die aufgrund von KYC- und AML-Regulierungen3 angelegt werden. Ein Konto bei der Bank oder einer Trading-Plattform zu eröffnen, kommt einem informationellen Striptease gleich.
Die Entropie4, die als Output ensteht, lässt sich zum Beispiel in der systematischen und willkürlichen Ungleichbehandlung bei der Kreditvergabe auf Basis solcher entitätsbezogener Daten erkennen. Lebenszeit und tatsächlich geleistete Arbeit wird dadurch von Fall zu Fall unterschiedlich bewertet und zwar in Abhängigkeit von Herkunft, Vorgeschichte und Lebensumständen. Das ist das Hamsterrad, aus dem zahllose hart arbeitende und ehrliche Menschen vergeblich versuchen, auszubrechen.
Weiters fallen für mich auch Korruption, Betrug, verzerrte Marktsignale etc. unter den Sammelbegriff der Entropie im menschlichen Zusammenleben.

Dem entgegengesetzt fließen Chaos und Zufälligkeit in Form von kryptographischen Schlüsseln und Proof-Of-Work in das Bitcoin-Netzwerk ein. Die Entropie wird dann durch öffentlich nachvollziehbare Regeln so kanalisiert, dass eine unumstößliche Wahrheit über die Zustandsänderungen des gesamten Netzwerks über die Zeit hinweg aufgezeichnet und dezentral aufbewahrt wird. Auf Veränderungen von Außen (ebenfalls Entropie) reagiert das System mit selbstregulierenden Mechanismen. Die Schwierigkeitsanpassung des Proof-Of-Work-Algoritmus’ an die durchschnittlich aufgewendete Rechenleistung, die alle 2016 Blöcke stattfindet, funktioniert dabei in etwa wie ein Thermostat, das auf Veränderungen der Temperatur reagiert.
Transparenz und Stabilität (~ Antifragilität) tragen hier zur deutlichen Reduzierung von Unsicherheit und Entropie für die Teilnehmer des Netzwerks bei.
Bitcoin-Plebs und -Hodler schlafen einfach ruhiger…

Diese Ausführungen sollten zeigen, wie scheinbar in sich widersprüchliche Aussagen über ein System durch Kontextualisierung und Gegenüberstellung ihre zugrundeliegende Beziehung zueinander preisgeben können.
Je mehr sich mein Verständnis über die Zusammenhänge in der Welt der Zeit-, Wert- und Energievermittlung vertieft, desto mehr festigt sich auch meine Überzeugung, in welche Richtung ich ziehen und schieben möchte.


  1. Die sog. Lautgesetze beschreiben die ausnahmslose Veränderung von bestimmten Sprachlauten, die eintritt, wenn diese Laute während der Wirkungsperiode dieses Wandelprozesses in einer bestimmten lautlichen Umgebung auftreten. Wenn innerhalb eines Paradigmas unterschiedliche Nachbarschaftsverhältnisse für einen Laut herrschen (z.B. durch eine nicht vorhandene Endung), tritt der lautgesetzliche Wandel im einen Fall ein und im anderen Fall eben nicht. (Paradigmen sind die natürlichen Reihen, die eine Sprache bildet, um an einem Wortstamm, der die lexikalische Bedeutung enthält, die unterschiedlichen grammatischen Kategorien zu markieren, die die jeweilige Sprache kennt. Dazu gehören z.B. die grammtischen Fälle oder die Einzahl vs. die Mehrzahl.)
    Dem gegenüber steht der analogische Ausgleichsprozess (= Analogie), der auffällige Wortformen, die der menschlichen Wahrnehmung gemäß nicht in ihr jeweiliges Paradigma passen, so verändert, dass sie nicht mehr weiter auffallen. Wo die Sprecher der Sprache ein Muster zu erkennen glauben, werden sie jede markante Abweichung an den Rest angleichen.
    Diese beiden Mechanismen des Sprachwandels (also lautgesetzlicher Wandel, der nur zeitlich begrenzt und abhängig vom lautlichen Kontext wirkt, und die permanente Ausgleichstendenz der Analogie, die jede Auffälligkeit betrifft) erzeugen eine Art Pendelbewegung, die den Erstarrungstendenzen der Sprache entgegenwirkt.
    So bleibt Sprache lebendig, statt zu versteinern, auch wenn ihre Entwicklung dadurch unvorhersagbar wird. Ich finde, dass nur ein System, das sich langsam und dabei aber stetig verändert, ein geeignetes Mittel ist, um eine Welt zu beschreiben, die sich ebenfalls im ständigen Wandel befindet. Nur ein derart evolutionäres System kann zeitgleich Stabilität gewährleisten und an Innovation teilhaben.
    Beispiel eines Paradigmas:

    Kasus/Num. Art. Stamm Endung
    Nom. Sg. das Geld
    Gen. Sg. des Geld -es
    Dat. Sg. dem Geld (-e)
    Akk. Sg. das Geld
    Nom. Pl. die Geld -er
    Gen. Pl. der Geld -er
    Dat. Pl. den Geld -ern
    Akk. Pl. die Geld -er
     ↩︎
  2. Eine sehr gelungene Übersicht zum Konzept der Zeitpräferenz auf Deutsch ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=Z6HDcj4LySI ↩︎

  3. Know Your Customer und Anti Money Laundering dienen theoretisch dazu, alle Akteure im Finanzsystem eindeutig zu identifizieren, um dadurch illegale Aktivitäten zu verhindern. Meiner persönlichen Meinung nach sind diese Bestrebungen fehl am Platz, weil Korruption, Finanzkriminalität etc. größtenteils institutionell (also von denjenigen, die diese Daten verlangen/erstellen/aufbewahren/missbrauchen) organisiert ist. Gleichzeitig steht der Verlust von Privatsphäre und individuellem Handlungsspielraum in keinem Verhältnis zum zweifelhaften Nutzen der Maßnahmen. ↩︎

  4. Entropie würde ich wahlweise auch mit Chaos, Zufälligkeit oder Willkür umschreiben. ↩︎

TechnologieKultur - Against Dystopia

TechnologieKultur is my passion project and personal brand.

I am a linguist by training and nowadays busy myself with creating content about technology and culture.
How do these interact and influence each other?
What’s the culture around technology and which technologies are an expression of the human condition?

More specifically, I’ve been looking at the Bitcoin space and its countless facets for a couple of years now. I write about these explorations of the topic in English and in German.

Please check out my writing on this website (predominantly in German) or in various places around the internet:

If you are more of a listener than a reader you might be interested in learning more about me through this episode of the BitBuyBit podcast.

Enjoy!

TechnologieKultur - Gegen die Dystopie

TechnologieKultur ist mein Passionsprojekt und meine persönliche Marke.

Ich bin ausgebildet als Linguist und beschäftige mich dieser Tage damit, Inhalte zum Thema Technologie und Kultur zu kreieren.
Wie interagieren diese und beeinflussen einander?
Wie sieht die Kultur rund um Technologie aus und welche Technologien sind Ausdruck der menschlichen Befindlichkeit?

Etwas spezifischer beschäftige ich mich in den letzten Jahren mit dem Bitcoin-Umfeld und seinen zahllosen Facetten. Über diese Auseinandersetzungen mit dem Thema schreibe ich dann auf Englisch und auf Deutsch.

Schau Dir gerne meine Beiträge auf dieser Webseite (vorwiegend auf Deutsch) oder an verschiedenen Stellen im Internet an:

Falls Du eher ein Hörer als ein Leser bist, kannst Du auch mehr über mich in dieser englischsprachigen Episode des BitBuyBit Podcasts erfahren.

Viel Vergnügen!

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