Bitcoin und performative Sprache
@ TechnologieKultur · 2021-08-04 · 6 Minuten Lesezeit · Update am 2021-08-04

Sprache und Bitcoin - Wie Information die Wirklichkeit verändert

“Ich warne Dich!”

Du bist jetzt offensichtlich gewarnt und siehst, wie dieser Sprechakt eine Realität erschaffen hat, die genau das Gesagte/Geschriebene widerspiegelt. Der Sprechakt war also performativ und Du kannst folglich nicht mehr behaupten, ich hätte Dich nicht gewarnt.
Wenn Dich das traurig macht, kann ich natürlich sagen:

“Ich tröste Dich.”

Fühlst Du Dich aber deshalb besser…?
Wenn nicht, liegt es wahrscheinlich daran, dass das Verb trösten nicht zu denen gehört, die eine derart realitätsstiftende Kraft entfalten können. Folglich war dieser Sprechakt nicht performativ.

Worin besteht aber jetzt die Parallele zum Bitcoin-Protokoll?
Kann man denn im virtuellen Raum von Nullen und Einsen eine Tatsache in der Lebenswelt der Menschen aus Fleisch und Blut heraufbeschwören?
Um das zu beantworten, beschäftigen wir uns mit ein paar zentralen Eigenschaften von Sprache und den Kräften, die sie den Sprechenden verleihen.

Gehen wir deshalb nochmal einen Schritt zurück, um festzustellen, dass “Ich warne Dich” zunächst nur reine Information ist. Diese besteht aus Symbolen, die die Sprachlaute aus der realen Welt abbilden. Darüber, was die Kombination dieser Laute bedeutet, herrscht unter den Sprechern derselben Sprache Einigkeit, ein Konsens also.
Wenn man das alles zusammennimmt, habe ich zu Beginn mit Hilfe von Symbolen eine reine Information transportiert, die gleichzeitig eine explizite Realität geschaffen hat. Du bist nämlich immer noch gewarnt und wirst es auch für immer bleiben, solange ich keine Entwarnung gebe. Dass die Information in diesem Fall keine physische Ausprägung hat, ändert nichts an ihrer Wirklichkeit. Dein Name ist ja auch Wirklichkeit.

Jetzt wird hoffentlich schon etwas deutlicher, worin die Ähnlichkeit zwischen natürlicher Sprache und dem Bitcoin-Protokoll besteht. Symbole, über deren Bedeutung Einigkeit herrscht, beschreiben eine Wirklichkeit, die durch diese Beschreibung erst entsteht.

Explorer-Ansicht des Genesis Blocks

Am konkreten Beispiel des Bitcoin-Genesis-Blocks vom 3. Januar 2009 kann man es sich so vorstellen:

  • Am Anfang war nichts. Keine Realität und keine Information. Nur ein paar Regeln, wie gültige Information auszusehen hat.
  • In dieses informationelle Nichts auf der Festplatte in Satoshi Nakamotos Computer wurde dann die Lösung für ein kryptographisches Rätsel geschrieben, dass eine Entität, die eindeutig durch die Bitcoin-Adresse 1A1zP1eP5QGefi2DMPTfTL5SLmv7DivfNa identifiziert ist, durch Aufwendung von Rechenleistung (also elektrischer Energie) gelöst hat.
  • Laut Protokoll gingen dadurch 50 BTC, die zwar aus dem Nichts aber eben nur unter Aufwendung der erwähnten Energie erschaffen wurden, als Belohnung in den uneingeschränkten Besitz dieser Entität über. Diese Information wurde bereits bei der Kreation in den Block mit hineingeschrieben.
  • Damit war der erste Block geschürft und wurde dem restlichen (noch sehr kleinen) Netzwerk bekanntgegeben, damit jeder Netzwerkknoten die Lösung des kryptographischen Rätsels nachprüfen konnte.
  • Die ersten Bitcoins wurden Realität, sobald der Konsens über die Korrektheit des Vorgangs gemäß der Regeln im Protokoll erreicht war.

Diese Bitcoin sind reine Information, die aber nur durch den Aufwand von Energie in der physischen Welt generiert werden konnte. Die Information an sich ist der Beweis der aufgewendeten Energie - der sogenannte Proof of Work.

Sobald 50 weitere derart geschürfte Blöcke auf diesem Genesis-Block aufgestapelt waren, stand es der Entität1 frei, über diese Belohnung zu verfügen und die Eigentumsrechte an der Gesamtheit oder an Teilen davon an jedwede andere Entität zu übertragen. Die einzige Voraussetzung für diese Autorität über die Belohnung ist die nachweisliche Kenntnis eines Geheimnisses, das eine zentrale Rolle im Schöpfungsakt der Entität gespielt hat (daher auch: Not your keys - Not your coins).

Das Konzept der Autorität, sprich: die Kontrolle über private kryptographische Schlüssel (private keys) im Bitcoin-Netzerk, lohnt es noch einmal mit der Situation bei der natürlichen Sprache zu kontrastieren:

Unabhängig davon, ob Du mich als Bedrohung ernst nimmst oder nicht, steht die ausgesprochene Warnung von vorher noch immer faktisch im Raum. Es ist allen Sprechenden jederzeit möglich, zu warnen, zu verkünden, sich zu entschuldigen oder hiermit meine anderen Artikel zu empfehlen. Dazu ist keine Erlaubnis oder Autorität nötig. Wo vorher keine Warnung und keine Empfehlung waren, sind auf einmal welche.
Bei einer weiteren Gruppe von performativen Verben sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Um jemanden zum Nachfolger, Direktor oder Botschafter zu ernennen, ist nun plötzlich Autorität nötig, die mit der sprechenden Person und/oder der Situation verknüpft ist.
Sonst könnte ich ja durch die Straßen laufen und wildfremde Pärchen zu Mann und Frau erklären. Da traut man sich dann doch nicht so einfach…

Bei dieser zweiten Kategorie drücken die performativen Verben also nicht nur eine besondere Art des Sprechens aus, sondern haben eine deklarative Komponente, durch die die Autorität ausgeübt wird. Es wird nicht einfach nur etwas Neues in die Welt gesetzt, sondern es werden wesentliche Eigenschaften der bestehenden Welt verändert.
Bei der Eröffnung des bisher unbesuchten Vergnügungsparks genauso wie bei der Taufe, wo der Täufling unter dem vergebenen Namen in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Die Exkommunikation würde dann durch einen vergleichbar autoritativen Sprechakt erfolgen.

Diese beiden Spielarten des performativen Sprechakts lassen sich auch in den Prinzipien des Bitcoin-Protokolls (der Sprache des Energieaufwands, wenn man so will) erkennen.

Wenn ein Bitcoin-Miner Energie aufwendet, um einen neuen Block zu kreieren, wird durch diesen performativen “Schreibakt” auf der Blockchain der Besitzanspruch auf die neu entstandenen Bitcoins (+ die Transaktionsgebühren aus dem Netzwerk) an die im Block angegebene Entität übertragen.
Fertig.
Wenn der Block durch Netzwerk-Konsensus anerkannt wird, ist er Realität und der Miner musste dafür zu keiner Zeit irgendeine Berechtigung nachweisen. Energieaufwand und Regelkonformität genügen an dieser Stelle.
Will nun jemand einen solchen Besitzanspruch, der an beliebiger Stelle in der Blockchain dokumentiert ist, geltend machen, um die Besitzverhältnisse zu ändern, bedarf es nun aber sehr wohl eines Berechtigungsnachweises. Die Autorität hängt allerdings nicht von äußeren Faktoren wie einer Priesterweihe, dem Geburtsrecht oder einem Arbeitsvertrag ab. Sie leitet sich stattdessen nur aus der Kenntnis einer geheimen und nicht zu erratenden Zahl, dem privaten Schlüssel ab.

Die Erschaffung einer neuen Realität erfordert also Arbeit. Weil Bitcoin als Protokoll aber offen und frei zugänglich (permissionless) ist, bedarf es keinerlei Autorität/Erlaubnis, um Energie in die Aufrechterhaltung des Netzwerks hineinzustecken. Eine solche Autorität, also das uneingeschränkte Eigentumsrecht, ist nur nötig, um Änderungen in den aufgezeichneten Eigentumsverhältnissen herbeizuführen.

Bitcoin erlaubt es somit - im Gegensatz zur natürlichen Sprache - autoritativ eine Veränderung der Besitzverhältnisse herbeizuführen, ohne dass die nötige Autorität von einer höheren Stelle verliehen oder anerkannt werden muss.
Wenn man den geheimen Schlüssel zu einem Bitcoin-Betrag (in Form einer langen Zahl oder einer Reihe merkbarer Wörter) kennt, braucht man niemandes Erlaubnis mehr, um damit anzustellen was man will.

Der letzte Punkt stellt in meinen Augen eine wahre Transzendierung der performativen Aspekte bei den natürlichen Sprachen dar.
Durch die Kenntnis einer Reihe geheimer Wörter beliebig große Mengen an Energie zu kanalisieren, klingt für mich nach einer Definition von wahrer Magie2, die die Welten von Sprache, Mathematik und Physik miteinander verbindet.

Für alle, die ihre Lebensenergie schon mit einem Bannkreis kryptographischer Zauberformeln vor zustimmungslosem Zugriff schützen, gebe ich hiermit bereits Entwarnung.


  1. Eine Entität entspricht in diesem Kontext einfach einer Bitcoin-Adresse. Diese Adressen sind Pseudonyme, von denen ein Mensch oder eine Organisation beliebig viele haben können. Gleichzeitig kann ein einzelnes Pseudonym auch von mehreren Personen benutzt werden, die die geheime Zahl kennen, von der das Pseudonym mathematisch abgeleitet ist. ↩︎

  2. Magic Internet Money ist mehr als ein lustiges Meme. ↩︎

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